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INITIATIVE   FÜR   SOZIALE   GERECHTIGKEIT   e.V.

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Ein offener Brief an die Fallmanager

Sehr geehrte Mitarbeiter der Jobcenter,

Ihnen ist sicherlich bekannt, dass sich in der deutschen Bevölkerung ein immer
stärkerer Widerstand gegen die so genannte „Hartz IV-Gesetzgebung“ und deren
Umsetzung bildet. Führende Sozialrechtler sehen diese Reform als gescheitert an.

Wir verurteilen selbstverständlich jegliche Form der Gewaltausübung gegen die in
Jobcentern beschäftigten Menschen. Es ist uns jedoch bewusst, dass Sie, als
Fallmanager, Teamleiter oder Mitarbeiter der Leistungsabteilung, eine gewaltige
Verantwortung haben. Der hier häufig stattfindende Machtmissbrauch wird von
Sozialgerichten in einer Vielzahl von Fällen gerügt.


Unter ihnen mag es viele geben, die innerlich eher auf der Seite ihrer
bemitleidenswerten Kunden stehen. Doch auch Ihnen droht der Verlust des
Arbeitsplatzes, wenn sie nicht mit der durch ihre Vorgesetzten definierten Härte
durchgreifen. Zwar ist das dann nicht mehr das Hartz-IV-System, das der Legislative
einmal vorschwebte – doch der Zweck der Kosteneinsparung heiligt inzwischen
offenbar alle Mittel.

Hier wäre von Ihrer Seite ganz eindeutig jene Zivilcourage gefragt, die französische
Arbeitsberater schon vor einiger Zeit zum Ausdruck gebracht haben. Dazu eine
Erklärung der entsprechenden Gewerkschaft in übersetzter Form:

"Die Würde des Menschen ist unantastbar oder: Wie in Frankreich das Deutsche Grundgesetz beachtet wird"


Erklärung zur beruflichen und bürgerlichen Ethik von Sud ANPE (Gewerkschaft in
der Agentur für Arbeit in Frankreich):

„Unsere Aufgabe ist es vor allem, den Arbeitsuchenden zu helfen eine
Beschäftigung zu finden, denn das erwarten die Arbeitsuchenden von uns. Aber es
gibt einfach keine Arbeit für alle. Die Zunahme von Gesprächen, die ständigen
Aufforderungen zum Besuch der Agentur wird keine Arbeit schaffen, sondern
erhöhen nur das Risiko für die Arbeitsuchenden, gezwungen, schikaniert und
abgestraft zu werden.

Wir, die Beschäftigten der ANPE, erklären, dass wir auf keine Weise Menschen
schaden wollen, die schon durch den Verlust der Beschäftigung und des
Einkommens verletzt sind.

Wir verweigern uns sie auszugrenzen und wir werden keine Streichungen mehr
durchführen, ohne vorher die moralischen und menschlichen Folgen mit zu
beachten. Wir schlagen Angebote vor, wir zwingen aber Angebote nicht auf. Wir
werden die Arbeitsuchenden nicht zwangsweise in Denkschubladen staatlicher
Vorgaben stecken. Wir erpressen sie auch nicht mit Streichung. Wir verweigern uns
auch, der Wut der Arbeitsuchenden ausgesetzt zu werden. Wir verweigern uns, eine
soziale Polizei zu sein, angewiesen zur Unterdrückung, anstatt als öffentlicher
Ratgeber für Beschäftigung agieren zu können.

Weder Arbeitsuchende noch Beschäftigte der ANPE sind verantwortlich für den
Zustand des Arbeitsmarktes und für die wachsende Prekarisierung. Wir sind mit den
Arbeitsuchenden solidarisch.

Wir weigern uns, falsche Zahlen, unlautere Angebote und leere Unterhaltungen zu
produzieren und wir werden unsere beruflichen Praktiken dazu einsetzen, den
Nutzern unserer Dienste zu helfen, im vollen Respekt ihrer bürgerlichen Rechte."

Wir fordern ein vollständiges Umdenken auch der deutschen Arbeitsberater und
Fallmanager unter Einbeziehung der realistischen Arbeitsmarktzahlen. Wir fordern
eine Konzentration auf die Arbeitsvermittlung statt auf Sanktionierungsquoten und
Statistiken.

Wir fordern die Einhaltung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der EUCharta
der Grundrechte und des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland
zum Wohle der Arbeitsuchenden und zur Entspannung des sozialen Klimas in
Deutschland.

Die Sanktionspolitik der Jobcenter kann kein Mittel eines Staates sein, der seine
Bürger achtet. Wir bitten Sie deshalb eindringlich, dem respektvollen und
menschlichen Beispiel Ihrer französischen Kollegen zu folgen.


Michael Passlack

Initiative für soziale Gerechtigkeit e.V., Wiesbaden
12-2012